Leserbrief Nutzlose Lizenz zum Wohnen

von Andrea Guevara González

Wäre es nicht so bitter, könnte es Stoff für Kabarettisten sein: Die Gesellschaft für Wirtschaftskunde und die Baugesellschaft Hanau bieten Kurse an, in denen ein „Mieterführerschein“ erworben werden kann. Zielgruppe sind Geflüchtete, Migranten, Gehandicapte und junge Erwachsene, die die elterliche Wohnung verlassen. Für genau diese Menschen gibt es in Hanau keine Wohnungen! Wer in Hanau wohnen möchte, muss sich eine Eigentumswohnung leisten können. Bezahlbarer Wohnraum wird in Hanau Zug um Zug vernichtet!

Das Erlernen der „Gestaltung einer zielführenden Wohnungsbewerbung“ ist eine Verdummung und Verhöhnung von Menschen, die keine Chance haben, in Hanau eine Wohnung zu finden. Den Menschen wird eingeredet, es liege nur an ihnen selbst, dass sie Verlierer auf dem Wohnungsmarkt sind. Genau, wie bei den Arbeitslosen, die ebenfalls in sinnlose Bewerbungskurse gedrängt werden, wo Ihnen vorgemacht wird, es liege an ihrer angeblich mangelnden Qualifikation, wenn sie keine Arbeit finden.

Dass für die nutzlose Lizenz zum Wohnen auch noch 40 Euro Kursgebühr fällig werden, ist der Gipfel der Verarschung. Da wird Menschen, die jeden Euro drei Mal umdrehen müssen, auch noch Geld dafür abgeknöpft, dass sie sich nach den Bedürfnissen der Wirtschaft zurichten lassen – um hinterher doch Verlierer zu bleiben. Verlierer in einer Gesellschaft, die nur noch die Geldvermehrung als Ziel akzeptiert.

Zwecks Geldvermehrung können keine bezahlbaren Wohnungen gebaut werden, das lohnt sich einfach nicht. Der Oberbürgermeister, der Bürgermeister und die Stadtverordneten wollen ja auch keine Bürger, die bezahlbaren Wohnraum benötigen, sie wollen keine Verlierer: „Die guten Wohnlagen sollen Menschen mit ordentlichen Berufen vorbehalten bleiben“, sagte der heutige Bürgermeister Weiß-Thiel, als es um den Abriss den Westkarrees ging.

Jens Gottwald, Geschäftsführer der Baugesellschaft, wird mit den Worten zitiert, der Mieterführerschein solle verbindliche Charakter haben. Ohne den Wisch haben Wohnungssuchende also überhaupt keine Aussicht mehr, die Wohnungen zu bekommen, die es gar nicht gibt. Ich frage mich, wie Millionen von Mietern bisher ohne den Führerschein leben konnten. Gibt es für sie bald Nachschulungen? Vielleicht ließe sich der Irrsinn sicht- und begreifbar machen, wenn alle, die in Hanau eine bezahlbare Wohnung suchen, sich für den Mietführerschein-Kurs anmelden würden – dafür müsste dann der große Saal des CPH angemietet werden.

Wegsehen der Stadt unentschuldbar

Als besonders erschreckendes Beispiel dafür, wie auf dem Rücken von ausgegrenzten Menschen Politik gemacht werde, bezeichnet der Runde Tisch für menschenwürdiges und bezahlbares Wohnen die Vorgänge in der Daimlerstraße. Meist leben in den Häusern Tagelöhner aus Südosteuropa ohne soziale Absicherung. Bei den Roma verschlimmerten Vorurteile die Lebensbedingungen zusätzlich. Dies habe sich der Eigentümer der Häuser in der Daimlerstraße zunutze gemacht. „Er hat jahrelang unmenschliche Wohnbedingungen zugelassen und nur kräftig kassiert. Das ist unentschuldbar. Nicht der Eigentümer, sondern viele Mieter haben Wohnungen renoviert“, so der Runde Tisch.

Genauso unentschuldbar sei das Wegsehen der Stadt Hanau, die die Zustände genau gekannt habe. Das Sozialgesetzbuch verpflichte Kommunen bei Gefährdungen des Kindeswohls und drohender Obdachlosigkeit zum Handeln. Außerdem wurden bereits vor Jahren die Gelder für die Arbeit des Internationalen Bundes massiv gekürzt, sodass die Beratungsstelle für Zuwanderer „Romale“ geschlossen werden musste. Nach Ansicht des Runden Tisches könne sich die Stadt nicht einfach aus der Verantwortung stehlen, nur weil die Menschen nicht ins Konzept einer reichen und schönen Stadt passten. Axel Weiß-Thiel, der mit seinen Ausreiseaufforderungen für Parteien am rechten Rand anschlussfähig werde, sei als Sozialdezernent eine krasse Fehlbesetzung und tauge eher als Investorendezernent. Sorge bereitet den Mietaktivisten, dass der nächste Eigentümer nur Gewinn anstrebe und dafür die Mieter vertreibe. Dies käme zwar der Stadt gelegen, da diese nur noch gut verdienende Einwohner in Hanau sehen wollen, könnte aber dazu führen, dass die Probleme sich nur an einer anderen Stelle in der Stadt wiederholen.

Ausgesprochen verwerflich seien die rüden Methoden, zu denen die neuen Hauseigentümer griffen, heißt es weiter. Menschen, die ohnehin an den Rand der Gesellschaft gedrängt würden, mit Zwangsräumungen zu bedrohen, zeuge von Verrohung. Dafür dürfe es von der Stadt nicht auch noch Lob geben. Der Runde Tisch fordert von der Stadt Hanau, den Menschen in der Daimlerstraße zumutbare Ersatzwohnungen zu beschaffen. „Wenn es die in Hanau nicht gibt, ist das ein weiterer gewichtiger Grund dafür, in Hanau beispielsweise auf dem Areal der Pioneer-Kaserne Sozialwohnungen vorzuhalten. Hanau kann nicht so tun, als gingen die Stadt die sozialen Probleme, die die Gesellschaft prägen, nichts an“, heißt es abschließend.