Leserbrief Führerschein hat anderen Sinn

von Günter Kugler

Die Baugesellschaft, diesmal vertreten durch Frau Weinzettel, geht mal wieder hart ins Gericht mit den Kritikern der Hanauer Wohnungspolitik. Fehlender bezahlbarer Wohnraum? Alles miese Stimmungsmache und haltlose Behauptungen! Die haben keine Ahnung! Zeitverschwendung, sich damit zu beschäftigen! Ende der Debatte!

Solch autoritärer Diskussionsstil schafft allerdings keine Wahrheit, auch wenn sich die Baugesellschaft noch so oft wiederholt. Zahlreiche Fachleute und Menschen in der sozialen Arbeit sehen hier sehr wohl deutliche Problemlagen. Soziale Einrichtungen, wie beispielsweise das Frauenhaus oder die Stiftung Lichtblick, haben nicht erst in jüngerer Zeit wiederholt darauf hingewiesen, dass Wohnungssuche für Menschen mit geringem Einkommen mit massiven Schwierigkeiten verbunden ist. Der Hanauer Mieterbund, sicherlich nicht die Speerspitze der Kritik an städtischer Wohnungspolitik, moniert das Fehlen von 3000 Sozialwohnungen in der Stadt. Sind das etwa alles Miesmacher?

Fakten wie diese, dass von den 7500 Sozialwohnungen, die es noch Anfang der Neunziger Jahre in Hanau gab nur noch 2100 bestehen, während
nun gar keine Sozialwohnungen mehr gebaut werden, will man nicht zur Kenntnis nehmen, und wer wiederholt darauf hinweist, bezieht rhetorische Prügel. Es gibt keine Stadt in Hessen, die einen derart massiven Verlust an Sozialwohnungen zu beklagen hat, (oder besser gesagt: Zu beklagen hätte) und kaum eine, in der man sich derart hartnäckig weigert, neue Sozialwohnungen zu bauen.

Sehr nachdenklich macht mich auch die Aussage von Frau Weinzettel, der Mieterführerschein stelle eine ernstzunehmende “Zulassung“ zur Anmietung einer eigenen Wohnung dar, selbstverständlich nur nach erfolgreicher Prüfungsteilnahme. Das passt zur Aussage von Herrn Gottwald, der Mieterführerschein solle verbindlichen Charakter haben. Darf man das richtig so verstehen, dass in Zukunft nur noch die „Freiwilligen“ und „Erfolgreichen“ Absolventen dieser Kurse bei der Baugesellschaft berücksichtigt werden, vielleicht auch beim Wohnungsamt? Wenn ja, wäre das natürlich ein excellentes Instrument, um die Zahl der offiziell wohnungssuchenden Menschen effizient nach unten zu drücken.

Sind das die von der Baugesellschaft geforderten Lösungen, und wofür braucht man diese überhaupt, wo es doch angeblich gar kein Problem
gibt?

Leserbrief Nutzlose Lizenz zum Wohnen

von Andrea Guevara González

Wäre es nicht so bitter, könnte es Stoff für Kabarettisten sein: Die Gesellschaft für Wirtschaftskunde und die Baugesellschaft Hanau bieten Kurse an, in denen ein „Mieterführerschein“ erworben werden kann. Zielgruppe sind Geflüchtete, Migranten, Gehandicapte und junge Erwachsene, die die elterliche Wohnung verlassen. Für genau diese Menschen gibt es in Hanau keine Wohnungen! Wer in Hanau wohnen möchte, muss sich eine Eigentumswohnung leisten können. Bezahlbarer Wohnraum wird in Hanau Zug um Zug vernichtet!

Das Erlernen der „Gestaltung einer zielführenden Wohnungsbewerbung“ ist eine Verdummung und Verhöhnung von Menschen, die keine Chance haben, in Hanau eine Wohnung zu finden. Den Menschen wird eingeredet, es liege nur an ihnen selbst, dass sie Verlierer auf dem Wohnungsmarkt sind. Genau, wie bei den Arbeitslosen, die ebenfalls in sinnlose Bewerbungskurse gedrängt werden, wo Ihnen vorgemacht wird, es liege an ihrer angeblich mangelnden Qualifikation, wenn sie keine Arbeit finden.

Dass für die nutzlose Lizenz zum Wohnen auch noch 40 Euro Kursgebühr fällig werden, ist der Gipfel der Verarschung. Da wird Menschen, die jeden Euro drei Mal umdrehen müssen, auch noch Geld dafür abgeknöpft, dass sie sich nach den Bedürfnissen der Wirtschaft zurichten lassen – um hinterher doch Verlierer zu bleiben. Verlierer in einer Gesellschaft, die nur noch die Geldvermehrung als Ziel akzeptiert.

Zwecks Geldvermehrung können keine bezahlbaren Wohnungen gebaut werden, das lohnt sich einfach nicht. Der Oberbürgermeister, der Bürgermeister und die Stadtverordneten wollen ja auch keine Bürger, die bezahlbaren Wohnraum benötigen, sie wollen keine Verlierer: „Die guten Wohnlagen sollen Menschen mit ordentlichen Berufen vorbehalten bleiben“, sagte der heutige Bürgermeister Weiß-Thiel, als es um den Abriss den Westkarrees ging.

Jens Gottwald, Geschäftsführer der Baugesellschaft, wird mit den Worten zitiert, der Mieterführerschein solle verbindliche Charakter haben. Ohne den Wisch haben Wohnungssuchende also überhaupt keine Aussicht mehr, die Wohnungen zu bekommen, die es gar nicht gibt. Ich frage mich, wie Millionen von Mietern bisher ohne den Führerschein leben konnten. Gibt es für sie bald Nachschulungen? Vielleicht ließe sich der Irrsinn sicht- und begreifbar machen, wenn alle, die in Hanau eine bezahlbare Wohnung suchen, sich für den Mietführerschein-Kurs anmelden würden – dafür müsste dann der große Saal des CPH angemietet werden.